Onlineshopping und Rabatte…

4 years ago by in Allgemein, Shopper Marketing, Trends, Y&R Group Switzerland Tagged: , , ,

Kehrt die globale Schnäppchenwelt des Word Wide Web zu ihren menschenfreundlichen Wurzeln zurück? Hat Amazon endlich ein Geschäftsmodell? Möglich …

«Was mich wirklich überrascht hat, war, wie viele Rabattangebote sich als richtig schlechtes Geschäft entpuppt haben», sagt Jacqui Cheng, Chefredakteurin der Produktbewertungsseiten The Wirecutter und The Sweethome über die amerikanischen Weihnachtsangebote. Und weiter: «Ich habe durchaus damit gerechnet, dass 85 oder 90 Prozent der Sonderangebote Nepp sein würden, aber dann stellte sich heraus, dass so ziemlich jedes Angebot, das wir unter die Lupe nahmen, gar kein Sonderangebot war.» Brian Lam, Gründer von The Wirecutter und The Sweethome, fügt hinzu: «Die wirklich guten Produkte werden so gut wie nie reduziert angeboten.»

Man bedenke, dass die Erkenntnisse der hier Zitierten sich auf jahrelange Recherche stützen. Auch in diesem Jahr machten sich wieder 20 Autoren und Redakteure auf die Suche nach der Wahrheit über vermeintliche Weihnachtsschnäppchen. Das Ergebnis: Die Rabattschlacht ist nichts weiter als ein uralter Werbetrick, dem die Menschen schon seit Tausenden von Jahren auf den Leim gehen. Man nehme einen «ursprünglichen» Verkaufspreis, reduziere ihn, mache viel Lärm und Tamtam und Schwupps … schon steigt der Absatz.

Und das, obwohl die Leute im digitalen Zeitalter jede Möglichkeit haben, die Angebote vor dem Kauf zu prüfen. Man nehme zum Beispiel Amazon: Rabatte überall, Preise unterhalb der Gewinnschwelle, jede Menge kostenlose «Extras» und neuerdings sogar Hollywood … Und doch ist im vermeintlichen Schnäppchenparadies Amazonien nicht alles günstig. Wells Fargo hat Walmart und Amazon verglichen, mit dem Ergebnis, dass Walmart mit seinem Online-Angebot in vier Kategorien zehn Prozent günstiger war … Amazon streitet das natürlich ab … Eins ist jedenfalls sicher: Bücher werden bei Amazon nicht mehr pauschal reduziert, und das Unternehmen fährt entgegen seiner Behauptungen Riesengewinne ähnlich denen der ganz grossen Verlage ein.

Plötzlich scheint der Fokus nicht mehr auf «günstig» zu liegen, sondern auf «Kundenerfahrung». Und Kundenerfahrung kostet, machen wir uns nichts vor! Lesen Sie mal den Artikel «Jeff Bezos‘ Lemonade Stand» auf David Streitfelds Bits Blog. Seine Argumentation zeigt: «Nichts im Leben ist umsonst … Auch nicht, wenn es von Internet-Unternehmen kommt.» Fazit: Wir folgen den Rattenfängern blind und machen sie reich – für ein komfortables Einkaufen und vermeintliche Rabatte. Ich finde, das verleiht der süssen Verlockung des Digibabble einen ziemlich bitteren Nachgeschmack.

Die Warby Parkers und Bonobos dieser Welt fürchten die Multichannel-Front deshalb nicht. Hearst lässt sich nicht davon abhalten, neue Printmagazin-Ideen zu entwickeln. Monocle hat kein Problem damit, Printpublikationen zu verschicken. Live-Konzerte und -Events, umgangssprachliche Publikationen und Kinderbücher finden auch bei nicht reduzierten Preisen reissenden Absatz. Digital ist alles, aber nicht alles ist digital … Vielleicht versucht uns der Weihnachtsmann ja mit all dem etwas zu sagen …

Ein Beispiel: «Die grösste Herausforderung des Handels sind der Mensch und seine Befindlichkeiten.» – Howard Schultz Da haben wir’s! Vielleicht könnte man das Zitat auch ein wenig umschreiben: Die grösste Herausforderung des Digital Business sind der Mensch und seine Erlebenswelt …

PS: Wieso steht der Streitfeld-Blog in der Times eigentlich unter der Rubrik Technologie und nicht unter Handel? Digital ist eben alles …

Von David Sable, Global CEO Y&R